Er war allein auf der Welt.
Kein Mensch oder Tier war unter den tief hängenden Wolken zu sehen. Nicht mal ein schwaches Glimmen, das verriet, wo die Sonne sich hinter dem endlos grauen Nichts versteckte. In welche Richtung befand sich die Küste? Er hatte nicht die geringste Ahnung.
Und diese Stille. Bis auf sein pochendes Herz konnte er nichts hören.
Keine Möwe, kein Windrauschen, obwohl er im Wasser sah, wie eine Brise eine Spur in die glatte Oberfläche zog.
Erst als er die nackten Füße, mit denen er knöcheltief in den dunklen Fluten steckte, ein Stück weit hob, hallte ein leises Plätschern durch seine einsame Welt.
Als hätte er mit dieser kleinen Bewegung die Elemente geweckt, erklang auf einmal ein Gurgeln wie ein vielstimmiges Flüstern über dem Meer.
Die Flut kam zurück.
Er wusste, was das bedeutete.
Er würde hier sterben. Schon bald. 
Von einer plötzlichen Verzweiflung gepackt wandte er sich in eine Richtung, von der annahm, dass sich dort die Küste befand. Er stapfte durchs Wasser, das so kalt war, dass es ihm wie ein Messer in die immer tauberen Füße schnitt.
Schon reichte ihm das eisige Meer bis zu den Knien. Nur mit großer Mühe gelang es ihm, sich gegen die Wellen zu stemmen. Einmal rutschte er dabei auf dem Grund aus, tauchte für einen kurzen, schrecklichen Moment mit dem Kopf unter Wasser.
Die Erkenntnis, dass es in dieser Richtung keine Rettung gab.
Hilflos drehte er sich um, blickte zum fernen Horizont. Was jetzt?
Schon stand die Flut so hoch, dass das Wasser gegen seine Brust drückte und kleine Wellen in sein Gesicht klatschten.
Er würde sterben, es gab keine Chance mehr auf Rettung. Stöhnend legte er seine Hände auf die Augen. Tränen liefen ihm über die Wangen.
Sollte es so enden?
Was wurde aus den Menschen, die er liebte?
Die ihn liebten? Seiner Familie? Ganz bestimmt würde sein Tod ihnen das Herz brechen.
Er hätte niemals nach Nordfriesland kommen dürfen.
Er schüttelte den Kopf, stöhnte.
Schluss mit dem Gejammer, rief eine Stimme in seinem Kopf. 
Nein, er durfte nicht aufgeben. Noch nicht.
Aber was zum Teufel sollte er tun?
Wie hatte er nur in diese Lage geraten können?
Warum nur hatte er die Spur verloren, die ihn sicher durch das Watt und seine tiefen Priele geführt hatte? Warum nur hatte er sich ablenken lassen?
In einer Mischung aus Wut und Verzweiflung schrie er seine Ratlosigkeit hinaus auf das Meer. Und wunderte sich, wie hohl und fremd seine Stimme klang. So als würde er sich nicht mitten in den Weiten der Nordsee, sondern in einem geschlossenen Raum befinden. Einer Kammer, die seinen Schrei wieder auf ihn zurückwarf.
Schon musste er sich auf die Zehenspitzen stellen und den Hals strecken, um das Gesicht über das Wasser zu halten.
Das Meer stieg unerbittlich und mit immer größerer Geschwindigkeit. Ächzend stieß er sich vom Boden ab, wollte schwimmen, aber ein Sog zog ihn wieder nach unten. Mit aller Kraft zappelte er in der Kälte, versuchte, sich an die Oberfläche zu kämpfen. Doch durch den langen Marsch in den eisigen Fluten waren seine Muskeln müde und taub.
Es hat keinen Sinn. Lass los, sagte eine sanfte Stimme.
Und das tat er. Er gab auf, öffnete den Mund, ließ kaltes Wasser in seinen Körper strömen.
Und sank langsam nach unten, weg vom Licht, immer tiefer bis zum dunklen Grund.