Leseprobe Eisiger Nebel: 


Nur der eisige Wind wehte leise über das Feld, sonst war kein Laut zu hören. Die Morgensonne versteckte sich hinter grauen Wolken.

Er atmete die kalte Luft ein, schloss dabei für einen Moment die Augen, um eins mit der Natur und diesem jungen Tag zu sein. Er roch, schmeckte das Salz in der Luft, schließlich war die zum Meer führende Eider nur ein paar Kilometer entfernt. Er seufzte, strich sich mit der flachen Hand über das müde Gesicht. Griff in die tiefe Tasche seiner Jacke, holte ein Metallfläschchen heraus und drehte den Verschluss auf. Tee mit Rum. Er trank einen kleinen Schluck, lächelte, als er spürte, wie die warme Flüssigkeit durch seine Kehle rann.

Der Mann schaute nach oben in den Himmel. Es würde bald wieder schneien. Zeit, der Fährte weiter zu folgen. Noch war sie in der dünnen Schneedecke deutlich zu sehen. In Schlangenlinien führte sie über den Acker, bis hin zu einem Knick, hinter dem der Mann im Morgendunst den Schatten eines kleinen Wäldchens ausmachen konnte.

Er steckte den Flachmann weg, richtete den dicken Schal und zog den Gurt stramm, an dem das Gewehr über seiner Schulter hing.

Also weiter. Kleine Atemwolken ausstoßend, stapfte er über das Feld. Trotz seiner festen Stiefel musste er bei den gefrorenen Ackerfurchen aufpassen, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Bei einem anderen Ausflug vor einem Jahr hatte er sich dabei den Knöchel verrenkt und lange Zeit nicht laufen können. Das durfte ihm heute Morgen auf keinen Fall passieren.

Nach ein paar Minuten erreichte er den Knick. Während auf dem Acker nur ein dünner Schneeteppich lag, hatte der scharfe Ostwind hier einen hohen weißen Wall gegen das Gehölz gedrückt. Die deutlich zu erkennende Fährte führte eine Weile parallel zu dem Gestrüpp. Dann hatte sich das Tier durch eine kleine Lücke gezwängt und war auf die andere Seite gelangt. Zu eng für den kräftig gebauten Förster, der einen weiten Bogen machen musste, um wieder zu der Spur hinter dem Knick zu gelangen.

Trotz der Kälte war er ins Schwitzen geraten. Mit einem Taschentuch wischte er sich über die Stirn und sah sich um. Auf dem Feld konnte er fast hundert Meter weit sehen. Hier dagegen war die Lage unübersichtlich. Im Dickicht des Wäldchens erkannte er keinen Pfad. Die Birken, Eichen, Linden und Buchen standen wie erstarrte Riesen vor ihm. Ihre Äste waren, wie das Gehölz am Boden, von Eis überzogen. Schade, dass die Sonne sich nicht blicken ließ. Etwas Licht und die gefrorene Natur würden das Wäldchen wie ein Märchenschloss funkeln lassen.

Ein leises Knacken, ganz in der Nähe. Reflexartig streifte er den Gewehrgurt über den Kopf. Er wandte sich langsam in alle Richtungen, lauschte mit zusammengekniffen Augen. Seit über zwanzig Jahren ging er auf Jagd, er wusste, wie er sich blitzschnell im Schutz der Bäume unsichtbar machen konnte. Doch hier, zwischen Knick und Wald, war das nicht möglich. Im Falle eines Angriffs gab es keine Deckung.

Wieder das Knacken, jetzt lauter. Mit einem Ruck fuhr er herum, das Gewehr im Anschlag.

Bloß eine Krähe. Der Vogel sprang durch das gefrorene Unterholz. Überrascht von seiner Gegenwart ruckte der Kopf nach oben, die dunklen Augen auf ihn gerichtet. Einen kurzen Augenblick starrten sich die beiden an, dann flatterte der Vogel mit einem verärgerten Krächzen davon.

Der Förster atmete aus und schüttelte lächelnd über seine Schreckhaftigkeit den Kopf. Seltsam, was für Streiche Schnee und Eis einem spielen konnten. Nur ein Vogel. Dem Geräusch nach hatte er mindestens mit einem Reh gerechnet. Vor allem, da er wusste, dass sich ein Sprung Rehe hier in der Gegend herumtrieb.

Jetzt begann es tatsächlich wieder zu schneien. Er musste sich beeilen. Wenn der Schneefall heftiger wurde, verschwand die Spur bald unter einer weißen Decke. 

Bemüht, jeden Schritt so vorsichtig und leise wie möglich zu setzen, folgte er der Fährte und betrat das Wäldchen. Immer wieder musste er sich an dichten Büschen vorbeizwängen. Der Ast eines Haselnussstrauchs blieb in seinem Bart hängen. Er schlug ihn einer fahrigen Handbewegung fort. Dabei übersah er ein Erdloch und sackte mit seinem rechten Bein bis zum Knie im Schnee ein.

Der Förster fluchte leise. Ein Elefant im Porzellanladen könnte nicht mehr Unruhe verbreiten. Wenn es in diesem Wald tatsächlich Wild gab, hatte er es mit dem Lärm längst vertrieben. Hatte es überhaupt noch Sinn, weiter zu suchen? Er hörte ein leises Knurren. Kein Tier. Nur sein Magen, der ihn daran erinnerte, dass er noch nicht gefrühstückt hatte, und Proviant hatte er auch keines dabei. Er kam sich vor wie ein blutiger Anfänger. Am besten, er brach die Suche ab. Trotz der Wollsocken und dem extradicken Pullover fror er, und die Augen tränten.

Dabei hatte die Sonne mittlerweile eine Lücke zwischen den Wolken gefunden. Weiter im Norden berührte ein leuchtender Finger die Erde. In Friedrichstadt schien jetzt die Sonne. Doch hier wurde der Schneefall eher stärker. Schon war die Spur auf dem Boden nicht mehr zu erkennen. Nur einzelne, abgeknickte dünne Zweige verrieten ihm, dass er noch der richtigen Fährte folgte.

Eine Ladung Schnee auf einem Eichenast löste sich im Wind und landete mit einem dumpfen Laut auf dem Boden. Er zuckte zusammen, blieb stehen. Er hatte hier nichts zu suchen. Mit seiner Körperfülle fühlte er sich in einem Hochsitz am wohlsten, sollten sich doch die jüngeren Jäger durch das Unterholz quälen.

Doch was war das? Dort hinten, verborgen im Schatten einer alten Eiche, bereits am anderen Ende des Wäldchens. Für einen Moment meinte er, im Schneegestöber etwas gesehen zu haben. Ein braun-graues Fell? Eine Bewegung?

Alarmiert umfasste er wieder das Gewehr mit beiden Händen. Dann stapfte er weiter. Langsam. Zweimal ging er hinter einem Baum in Deckung, um das Wild nicht aufzuschrecken. Oder was auch immer da hinten auf ihn wartete.

Endlich erreichte er die kleine Lichtung. Er hatte sich nicht getäuscht – zwei Rehe. Mit verrenkten Gliedern lagen sie in ihrem Blut. Ein Bock. Sein Bauch war aufgerissen, die Gedärme waren auf den Waldboden gequollen und in der Eiseskälte bereits gefrorenen. Ein Bein fehlte, war direkt am Unterleib abgetrennt worden. Der Hals zerfetzt, der Kopf baumelte nur noch an ein paar blutigen Sehnen. 

Daneben eine Ricke. Auch bei ihr war der Bauch aufgerissen. Überall Blut. Ein Schlachtfeld. Dafür war ein Wolf verantwortlich, kein Zweifel. Jetzt konnte der Förster die Fährte auch wieder deutlich erkennen. Sie führte aus dem Wäldchen hinaus und weiter über die Felder. Richtung Westen, nach Nordfriesland.

Der Förster ließ den Blick in die Ferne schweifen, als ein Rascheln bei den Tierkadavern ihn zusammenzucken ließ. Er verzog das Gesicht. Es war nicht zu fassen. Die Ricke lebte noch, trotz ihrer schweren Verletzungen. Sie versuchte, sich zu erheben, setzte die Vorderläufe auf, aber die Hinterläufe wollten ihr nicht gehorchen. Sie reckte den Kopf, sah sich voller Panik um.

Der Förster seufzte und legte auf das Tier an.

Der Schuss zerriss die Winterstille und war noch viele Kilometer weit bis nach Friedrichstadt zu hören.